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Politik, Kultur, Jiddishkeit

Offener Brief bzgl. des Auftritts von Frei.Wild in der Olympiahalle am 6. Januar 2023

Sehr geehrte Frau Dietl, sehr geehrte Frau Habenschaden, sehr geehrter Herr Reiter,
am 6. Januar 2023 soll die Südtiroler Rechtsrockband Frei.Wild in der Olympiahalle München auftreten.[1] Die Landeshauptstadt München ist alleinige Gesellschafterin der Olympiapark München GmbH. Wir fordern Sie auf, den geschlossenen Vertrag zwischen der Olympiapark München GmbH und der Band über die Räumlichkeiten aufzukündigen. Weiter fordern wir Sie auf, alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen, um diese Veranstaltung zu verhindern sowie sich von dieser Veranstaltung durch angemessene Maßnahmen zu distanzieren.
Im Folgenden begründen wir unsere Forderung.
Entscheidend für das Verständnis der Band ist der Hintergrund von Sänger und Songtexter Philipp Burger. Um die Jahrtausendwende war er Teil der Südtiroler Skindhead-Szene und Mitglied der Nazi-Band „Kaiserjäger“. Das Booklet der Demo-CD „Raff dich auf“ von 2000 zeigt Burger auf zwei Bildern mit Hitlergruß, umgeben von Skinheads, sowie Symbole der White-Power-Bewegung wie das Keltenkreuz; die Texte sind zutiefst rassistisch und hetzen gegen Schwarze (die mit dem N-Wort diffamiert werden) und „Yugos“.[2] Immer wieder wird darauf verwiesen, dass sich Burger von seiner rechtsextremen Vergangenheit distanziert habe. Das tat er formal auch in einem äußerst unkritischen Interview mit den Ruhrnachrichten aus dem Jahr 2012, auf dem er rechtsextremes Gedankengut in seiner Pubertät zugestand, aber behauptet, dieses hinter sich gelassen zu haben. Im selben Interview bestreitet er aber, dass Kaiserjäger eine Nazi-Band gewesen sei, weil es dieser nur um „Liebe, Freundschaft und Alkohol“ gegangen sei.[3] Wie glaubwürdig ist eine Distanzierung, wenn er bestreitet, dass eine Skindheadband mit Hitlergrüßen und rassistischen Texten eine Nazi-Band war? Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass Burger noch 2008 Mitglied der Südtiroler Partei „Die Freiheitlichen“ war, die der rechtsextremen FPÖ nahesteht?[4]
Eine umfangreiche Reportage des Spiegel aus dem Jahr 2018 von Maik Großekathöfer, der die Band auf einer Tour begleitete, kommt angesichts derartiger Distanzierungen zu folgenden Schlüssen: „Frei.Wild ist, das soll hier einmal klargestellt werden, keine Naziband, sie sind nicht rechtsextrem. Aber Rechtspopulisten sind sie mit Sicherheit, sie beherrschen das Spiel mit dem Feuer. […] Es ist ein Spiel mit Widersprüchen und Andeutungen. Es ist dasselbe Spiel, das Pegida bei seinen Demonstrationen spielt […]. Beide, Frei.Wild und AfD, locken mit derselben Verheißung: Sie sind Pächter der Wahrheit in einer Umgebung voller Lüge. Die Band liefert gewissermaßen den Soundtrack zum Parteiprogramm […].“[5] Der Vergleich mit AfD und Pegida drängt sich auf, weil Frei.Wild ähnlich wie diese sich zwar formal von Rechtsextremismus abgrenzt (und ebenso von Linksextremismus, der ihnen nie vorgeworfen wurde …), aber in ihren Texten und Statements zugleich nationalistische und rechte Ideologeme liefert. Das zeigt sich auch in der Spiegel-Reportage: Burger schwadroniert von der „Volkskrankheit der nicht mehr nachvollziehbaren Naziphobie“, pathologisiert also die Abneigung gegen Rechtsextremismus, und behauptet, „größere Arschlöcher als die Antifa“ gäbe es kaum, als wäre Aktivismus gegen Faschismus schlimmer als Faschismus selbst. Zudem reißt Burger Witze über Pol*innen und behauptet, „gewisse Parallelen“ zwischen der Kritik an seiner Band und der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu erkennen.
Es ist vor allem dieses instrumentelle Verhältnis zur Shoa, das wir für einen Skandal halten. Burger relativiert und verharmlost die Leiden der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit auf unerträgliche Weise, wenn er sich – immerhin ein erfolgreicher und reicher Rockstar – mit ihnen auf eine Stufe stellt. Und dabei ist so eine Aussage gar kein einmaliger „Ausrutscher“. Im Frei.Wild-Song „Wir reiten in den Untergang“ aus dem Jahr 2012 heißt es: „Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr / Und schon wieder lernten sie es nicht / Und sagst du mal nicht Ja und Amen / Oder schämst dich nicht für dich / Stehst du im Pranger der Gesellschaft / Und man spuckt dir ins Gesicht.“ Mit dem „Stern“ spielt Burger auf den Judenstern an, der der jüdischen Bevölkerung von den Nationalsozialisten aufgezwungen wurde. Dieser wird mit dem „Stempel“ analogisiert, der dem Gegenüber des Erzählers, der ihm empathisch entgegentritt, aufgenötigt wird. Die Stoßrichtung ist eindeutig: Burger, der sich mit dem Erzähler und dem Gegenüber identifizieren dürfte, fühlt sich ähnlich behandelt wie die Jüdinnen*Juden zur Zeit des NS. Das erinnert an die Querdenken-Bewegung mit ihren selbstgebastelteten „Ungeimpft“-Sternen, die sie auf unzähligen ihrer Protestzüge getragen haben[6] und in München verboten wurden.
Doch instrumentalisiert er das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich nicht nur zur Selbststilisierung als verfolgtes Opfer, sondern auch für geschichtsrevisionistische Forderungen. In einem Statement anlässlich der Kritik an nationalistischen Auswüchsen während der Fußball-EM 2012 ließ Burger verlauten: „Leider Gottes ist Deutschland auf einem Weg, der jedem Verstand mit Bravour den Atem raubt. Ganz ehrlich, das ist die logische Konsequenz dieser ,Wir alle müssen ewig für die Taten unserer Vorfahren büßen‘-Politik!!! Aber man wollte es so, hat Kinder so erzogen und trägt nun die Konsequenz, selber schuld!!! Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Italiener, Russen, Amerikaner oder zum Beispiel auch Chinesen ihrer Herkunft geschämt hätten, obwohl deren Diktatoren und Regime gleich viele und um viele Millionen Menschen mehr auf dem Gewissen haben, als es unter Scheiß-Hitler-Deutschland der Fall gewesen ist. Der Blick geht Richtung Zukunft und verdammt nochmal nicht ewig in Richtung Vergangenheit. Meiner Meinung nach langt es auch irgendwann mit dieser ewigen ,Selbstscham‘ und diesem niemals enden wollenden ,Selbsthass‘ jedes deutsch sprechenden Bürgers. […] Auch macht man Vergangenes nicht ungeschehen, indem man schon seit Jahrzehnten davon finanziell Profitierende, lechzend nach einer Daseinsberechtigung für ihr klägliches Dasein, weiter unterstützt und ihre Meinung blind unterstreicht, nur um ja nicht dagegen zu pissen.“ Nicht nur wird hier die Shoa verharmlost und ihre Singularität bestritten, indem auf vermeintlich ähnliche Verbrechen anderer Nationen verwiesen wird, sondern Jüdinnen*Juden offen unterstellt, von ihrem Schicksal und dem ihrer Angehörigen während des Nationalsozialismus finanziell zu profitieren. Darüber hinaus werden sie offen diffamiert und erniedrigt. Aussagen dieser Art finden sich auch in den Songtexten von Frei.Wild, so in „Gutmenschen und Moralapostel“: „Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen. Nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen. […] All die Verbrechen, all der Schmerz auf dieser Welt wurde euch so oft zuteil, ihr seid arm und meidet Geld. Komisch, dass es euch so gut geht, dass ihr selbst in Reichtum schwebt.“ Der Journalist und Rechtsextremismusexperte Thomas Kuban kommentiert das: „Man muss kein Antisemitismus-Forscher sein, um darin eine Anspielung auf Holocaust-Opfer zu erkennen, die vom deutschen Staat Entschädigungszahlungen erhalten, beziehungsweise die Andeutung des antisemitischen Stereotyps, dass Juden reich sind. Politisch einschlägige Fans verstehen diese Botschaften.“[7]
Nun könnte man argumentieren, diese Aussagen seien zehn Jahre her. Allerdings ist uns nicht bekannt, dass er sich je von ihnen distanziert hätte. Und selbst wenn er jemals eine Distanzierung tätigen sollte, wird sie wahrscheinlich ähnlich bagatellisierend ausfallen wie jene zu seiner Nazi-Band, die keine gewesen sein soll … Zudem haben sich die wesentlichen Ideologeme, die seine Band verbreitet, auch nicht geändert. Auch auf ihrem letzten Album „20 Jahre – Wir schaffen Deutsch.Land“ finden sich Lieder, die vor Heimatliebe und Nationalismus nur so triefen und der Selbstviktimisierung der Band Vorschub leisten[8], gegen „Antifa-Wichser“ und „Kultursozialisten“ – also gegen linke Kritiker*innen und antifaschistische Aktivist*innen – polemisieren[9] und diese sogar mit Nationalsozialismus und Stalinismus auf eine Stufe stellen[10]. Warum sollte Burger da gerade seine Haltung zur Shoa geändert haben, wenn alles andere seit Gründung der Band gleich geblieben ist? Insbesondere, da zumindest der antisemitische Song „Wir reiten in den Untergang“ auch gegenwärtig noch live gespielt wird?[11]
Da die Band in der Vergangenheit wiederholt antisemitische, geschichtsrevisionistische und rassistische Aussagen getätigt hat und ihre Distanzierung von Rechtsextremismus so glaubhaft ist wie jene eines Björn Höcke, fordern wir Sie dazu auf, Frei.Wild jegliche Räume und Auftrittsmöglichkeiten in der Olympiahalle (oder anderen städtischen Orten) zu streichen. Wir halten es nämlich für eine Zumutung, eine Band, die zu Recht bereits als „Vertonung des Parteiprogramms der AfD“ bezeichnet wurde[5], in einem städtischen Veranstaltungsort auftreten zu lassen – und das vor dem Hintergrund der speziellen Geschichte Münchens als „Hauptstadt der Bewegung“ zur Zeit des Nationalsozialismus.
Mit freundlichen Grüßen,
Linkes Bündnis gegen Antisemitismus München
  Grüne Jugend München
  linksjugend [’solid] München
  SJD – Die Falken München
  Emanzipatorische Linke München
Verband Jüdischer Studenten in Bayern
[4] Zur Mitgliedschaft Burgers bei den Freiheitlichen s. https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Burger, zur Nähe der Partei zur FPÖ vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Freiheitlichen, jeweils zuletzt aufgerufen am 16.11.2022.
[11] https://www.youtube.com/watch?v=ONmgsQMiu9w, zuletzt aufgerufen am 13.11.2022.